Der menschliche Körper als Terra incognita
Der menschliche Körper war eines der wichtigsten Themen
der Fotografie im 20.
Jahrhundert. Das Lausanner Musée de l'Élysée
verführt zu intimen Blicken auf die
Welt des Fleisches.
Von Hans-Peter von Däniken
"Wo sind bloss die Füsse hingekommen?", fragten
Kritiker der ersten Kinofilme
schockiert, als sie auf der Leinwand das Gesicht eines Menschen
in Nahaufnahme zu
sehen bekamen. Ihre lautstarke Empörung hatte allen Grund:
Die Konzentration der
Kamera auf einen Teil des menschlichen Körpers verletzte
im 19. Jahrhundert ein
Tabu, die Abwesenheit der ganzen Gestalt wurde zum Skandal.
Die Vorstellung, dass die Augen, eine Rückenpartie, eine
Brustwarze oder
Schamhaare ohne den Rest des Körpers in den Mittelpunkt
einer Aufnahme rücken
könnten, war vor hundert Jahren undenkbar. Wie radikal
sich der Blick auf den
Menschen in den letzten hundertfünfzig Jahren verändert
hat, lehrt uns die Geschichte
der Fotografie. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt die Aufmerksamkeit
der hinter dem
schwarzen Tuch versteckten Fotografen der ganzen menschlichen
Figur. "Den Körper
zu fragmentieren, zu zerlegen, hätte als ausgesprochen
ungehörig gegolten", schreibt
William A. Ewing, der Direktor des Musée de l'Élysée
in Lausanne, in seinem Buch
"Faszination Körper". für die seriöse
Porträt- und Aktfotografie des 19. Jahrhunderts
bedeutete der Körper in erster Linie die Hülle, die
Geist und Seele beherbergt. Wenn
damals ausnahmsweise Fotos von Händen oder Füssen
gemacht wurden, dann
allenfalls im Auftrag von Malern und Bildhauern, die zur Vorbereitung
ihrer Werke
anatomische Studien betreiben wollten.
Abkehr vom Ideal
"Der Triumph des fragments" nennt Ewing den ersten
Teil seiner Ausstellungstrilogie
zum Thema "Das Jahrhundert des Körpers" im Lausanner
Musée de l'Élysée. Die
Ausstellung beleuchtet die Abkehr vom Ideal einer Einheit von
Geist und Körper,
jenem Ideal, das Künstler über Jahrhunderte hinweg
erforschen und pflegten. Obschon
Ewing keine chronologische Hängung gewählt hat, dokumentiert
die opulente Schau
indirekt die Geschichte eines gesellschaftlichen und kulturellen
Prozesses, den die
Fotografie gleichzeitig spiegelt und prägt. Nicht nur den
Blick auf den Körper - so
lautet das Fazit - hat sie radikal verändert, sondern auch
unsere Vorstellung von
seiner Bedeutung im Verhältnis zur Identität des Individuums.
Es waren in den Zehner- und Zwanzigerjahren die Avantgardisten,
die in der
Nahaufnahme die ureigene Qualität des Mediums entdeckten:
eine bis anhin
unbekannte Nähe zur Wirklichkeit. Damit trugen sie zum
selbstbewussten Auftreten
der neuen Kunstgattung im Konkurrenzkampf mit der Malerei bei.
Fotografen wie die
Amerikaner Alfred Stieglitz, Imogen Cunningham, Edward Weston
oder die Europäer
Raoul Haussmann und Brassaï gaben den ganzheitlichen Blick
auf den Körper auf
und begannen ihn teils mit realistischen, teils mit konstruktivistischen
oder
surrealistischen Mitteln aus den ungewohntesten Winkeln heraus
zu erkunden. Der
meist weibliche Körper wurde zum geheimnisvollen Kontinent,
zur formvollendeten
geometrischen Konstruktion, zum Spielfeld für fantastische
Collagen, zur
Libido-stimulierenden Wildnis.
Was die Avantgardisten ästhetisch kitzelte, ist mittlerweile
zur allgemein gültigen
visuellen Sprache der Konsumindustrie verkommen. Heutzutage
zeigen die meisten
Reklameaufnahmen bloss noch Körperdetails, ein sexy Lächeln,
einen verführerischen
Augenaufschlag, einen knackigen Po - fragmente also, wie sie
noch bis weit in die
Fünfzigerjahre in der Werbefotografie nicht zu finden waren.
Das Gleiche gilt in der
Sportfotografie, wo mittlerweile die Nahaufnahme einer Erfolg
versprechenden
Gelenkhaltung oder eines vor Anstrengung verzerrten Gesichts
mehr zählt. Oder in
der Medizinalfotografie, wo Kamerasonden längst die innersten
Winkel unserer
Organe erforscht und selbst den Zeugungsvorgang belichtet haben.
Erregen statt erläutern
Die auf drei Stockwerke aufgeteilte Ausstellung in Lausanne
beginnt mit einem
überwältigenden Auftakt: Helmut Newton lässt
vier energisch daherschreitende
Models antraben, einmal im Businessdress, einmal ganz nackt.
frauenpower.
Allerdings stellt sich schon da die frage, was diese beiden
Aufnahmen mit dem
fragmentierten Blick zu tun haben. Diese Irritation zieht sich
durch die ganze
Ausstellung: Ewing schmeichelt dem Publikum lieber mit sinnlichen
Ikonen
herausragender Fotografen, als das Thema analytisch in den Griff
zu bekommen.
Seine Gliederung in die Themenbereiche Blick, Fleisch, Fiktion,
Macht, Schmerz,
Forschung, Ikone und Ausdruck macht die Sache nicht einfacher.
Er wolle lieber
visuell erregen als didaktisch allzu viel erläutern, argumentiert
der Museumsdirektor,
der die Ausstellung ursprünglich für das Lissabonner
Kulturzentrum Culturgest
konzipiert hat.
Zu den eindrücklichsten Aufnahmen gehören die Bilder
des franzosen Yves
Trémorins, der mit seinem Objektiv den Körper seiner
Mutter Hélène erforscht. Ihre
Oberschenkel gleichen den Wurzeln eines alten Baumes, ihre Brüste
einer erodierten
Felsenpartie. Intimste Annäherungen voller Respekt für
die Würde eines alt
gewordenen Körpers. äähnlich geht seit Jahren auch
der Brite John Coplans vor, der
seinen eigenen, nicht mehr ganz taufrischen Körper als
buschige, oft skurril archaisch
anmutende Landschaft aus Fleisch darstellt. Coplans Selbstbefragungen
machen
klar, dass der Körper zugleich beobachtetes Objekt und
wahrnehmendes Subjekt ist.
Leider fehlen in der Ausstellung Werke der 1997 jung verstorbenen
Schweizer
Fotokünstlerin Hannah Villiger, die mit Polaroidaufnahmen
ihres Körpers eine
hautnahe Forschung ihrer Identität betrieb.
Neue Zonen
Der Körperkult, aber auch die feministische Analyse der
Geschlechterrollen haben in
den Achtzigerjahren der Fotografie einen enormen Aufschwung
verliehen.
Gesellschaftskritisch motivierte Inszenierungen, etwa Cindy
Shermans "Film Stills",
wechseln ab mit neuen Formen der Idealisierung, wie sie beispielsweise
Robert
Mapplethorpe in seinen Aktaufnahmen makelloser schwarzer Männerkörper
pflegte.
Der nackte männliche Körper, der bisher praktisch
nur in der homosexuellen Kultur
fotografisch von Bedeutung war, beginnt eine immer grössere
Rolle zu spielen.
Erotisches Begehren, existenzielles Befragen, medizinischer
Wissensdrang: Den
fotografischen Blick auf den Körper bestimmen heute partikuläre
Interessen. Wer
glaubt, dass das Thema längst ausgeleuchtet und erschöpft
ist, irrt. Das Gegenteil ist
der Fall. Die Augen dringen mit ungestilltem Verlangen in immer
wieder neue Zonen
dieser Terra incognita vor.
Musée de l'Élysée, Lausanne, bis 2. April.
- Die Ausstellung "Der Triumph der Form"
dauert vom 13. April bis 12. Juni, die Ausstellung "Der
Triumph des Fleisches" vom
12. Oktober bis 14. Januar 2001.
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