erschienen im Tages-Anzeiger vom 7. März 2000

Der menschliche Körper als Terra incognita

Der menschliche Körper war eines der wichtigsten Themen der Fotografie im 20. Jahrhundert. Das Lausanner Musée de l'Élysée verführt zu intimen Blicken auf die Welt des Fleisches.

Von Hans-Peter von Däniken

"Wo sind bloss die Füsse hingekommen?", fragten Kritiker der ersten Kinofilme schockiert, als sie auf der Leinwand das Gesicht eines Menschen in Nahaufnahme zu sehen bekamen. Ihre lautstarke Empörung hatte allen Grund: Die Konzentration der Kamera auf einen Teil des menschlichen Körpers verletzte im 19. Jahrhundert ein Tabu, die Abwesenheit der ganzen Gestalt wurde zum Skandal.

Die Vorstellung, dass die Augen, eine Rückenpartie, eine Brustwarze oder Schamhaare ohne den Rest des Körpers in den Mittelpunkt einer Aufnahme rücken könnten, war vor hundert Jahren undenkbar. Wie radikal sich der Blick auf den Menschen in den letzten hundertfünfzig Jahren verändert hat, lehrt uns die Geschichte der Fotografie. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galt die Aufmerksamkeit der hinter dem schwarzen Tuch versteckten Fotografen der ganzen menschlichen Figur. "Den Körper zu fragmentieren, zu zerlegen, hätte als ausgesprochen ungehörig gegolten", schreibt William A. Ewing, der Direktor des Musée de l'Élysée in Lausanne, in seinem Buch "Faszination Körper". für die seriöse Porträt- und Aktfotografie des 19. Jahrhunderts bedeutete der Körper in erster Linie die Hülle, die Geist und Seele beherbergt. Wenn damals ausnahmsweise Fotos von Händen oder Füssen gemacht wurden, dann allenfalls im Auftrag von Malern und Bildhauern, die zur Vorbereitung ihrer Werke anatomische Studien betreiben wollten.

Abkehr vom Ideal

"Der Triumph des fragments" nennt Ewing den ersten Teil seiner Ausstellungstrilogie zum Thema "Das Jahrhundert des Körpers" im Lausanner Musée de l'Élysée. Die Ausstellung beleuchtet die Abkehr vom Ideal einer Einheit von Geist und Körper, jenem Ideal, das Künstler über Jahrhunderte hinweg erforschen und pflegten. Obschon Ewing keine chronologische Hängung gewählt hat, dokumentiert die opulente Schau indirekt die Geschichte eines gesellschaftlichen und kulturellen Prozesses, den die Fotografie gleichzeitig spiegelt und prägt. Nicht nur den Blick auf den Körper - so lautet das Fazit - hat sie radikal verändert, sondern auch unsere Vorstellung von seiner Bedeutung im Verhältnis zur Identität des Individuums.

Es waren in den Zehner- und Zwanzigerjahren die Avantgardisten, die in der Nahaufnahme die ureigene Qualität des Mediums entdeckten: eine bis anhin unbekannte Nähe zur Wirklichkeit. Damit trugen sie zum selbstbewussten Auftreten der neuen Kunstgattung im Konkurrenzkampf mit der Malerei bei. Fotografen wie die Amerikaner Alfred Stieglitz, Imogen Cunningham, Edward Weston oder die Europäer Raoul Haussmann und Brassaï gaben den ganzheitlichen Blick auf den Körper auf und begannen ihn teils mit realistischen, teils mit konstruktivistischen oder surrealistischen Mitteln aus den ungewohntesten Winkeln heraus zu erkunden. Der meist weibliche Körper wurde zum geheimnisvollen Kontinent, zur formvollendeten geometrischen Konstruktion, zum Spielfeld für fantastische Collagen, zur Libido-stimulierenden Wildnis.

Was die Avantgardisten ästhetisch kitzelte, ist mittlerweile zur allgemein gültigen visuellen Sprache der Konsumindustrie verkommen. Heutzutage zeigen die meisten Reklameaufnahmen bloss noch Körperdetails, ein sexy Lächeln, einen verführerischen Augenaufschlag, einen knackigen Po - fragmente also, wie sie noch bis weit in die Fünfzigerjahre in der Werbefotografie nicht zu finden waren. Das Gleiche gilt in der Sportfotografie, wo mittlerweile die Nahaufnahme einer Erfolg versprechenden Gelenkhaltung oder eines vor Anstrengung verzerrten Gesichts mehr zählt. Oder in der Medizinalfotografie, wo Kamerasonden längst die innersten Winkel unserer Organe erforscht und selbst den Zeugungsvorgang belichtet haben.

Erregen statt erläutern

Die auf drei Stockwerke aufgeteilte Ausstellung in Lausanne beginnt mit einem überwältigenden Auftakt: Helmut Newton lässt vier energisch daherschreitende Models antraben, einmal im Businessdress, einmal ganz nackt. frauenpower. Allerdings stellt sich schon da die frage, was diese beiden Aufnahmen mit dem fragmentierten Blick zu tun haben. Diese Irritation zieht sich durch die ganze Ausstellung: Ewing schmeichelt dem Publikum lieber mit sinnlichen Ikonen herausragender Fotografen, als das Thema analytisch in den Griff zu bekommen. Seine Gliederung in die Themenbereiche Blick, Fleisch, Fiktion, Macht, Schmerz, Forschung, Ikone und Ausdruck macht die Sache nicht einfacher. Er wolle lieber visuell erregen als didaktisch allzu viel erläutern, argumentiert der Museumsdirektor, der die Ausstellung ursprünglich für das Lissabonner Kulturzentrum Culturgest konzipiert hat.

Zu den eindrücklichsten Aufnahmen gehören die Bilder des franzosen Yves Trémorins, der mit seinem Objektiv den Körper seiner Mutter Hélène erforscht. Ihre Oberschenkel gleichen den Wurzeln eines alten Baumes, ihre Brüste einer erodierten Felsenpartie. Intimste Annäherungen voller Respekt für die Würde eines alt gewordenen Körpers. äähnlich geht seit Jahren auch der Brite John Coplans vor, der seinen eigenen, nicht mehr ganz taufrischen Körper als buschige, oft skurril archaisch anmutende Landschaft aus Fleisch darstellt. Coplans Selbstbefragungen machen klar, dass der Körper zugleich beobachtetes Objekt und wahrnehmendes Subjekt ist. Leider fehlen in der Ausstellung Werke der 1997 jung verstorbenen Schweizer Fotokünstlerin Hannah Villiger, die mit Polaroidaufnahmen ihres Körpers eine hautnahe Forschung ihrer Identität betrieb.

Neue Zonen

Der Körperkult, aber auch die feministische Analyse der Geschlechterrollen haben in den Achtzigerjahren der Fotografie einen enormen Aufschwung verliehen. Gesellschaftskritisch motivierte Inszenierungen, etwa Cindy Shermans "Film Stills", wechseln ab mit neuen Formen der Idealisierung, wie sie beispielsweise Robert Mapplethorpe in seinen Aktaufnahmen makelloser schwarzer Männerkörper pflegte. Der nackte männliche Körper, der bisher praktisch nur in der homosexuellen Kultur fotografisch von Bedeutung war, beginnt eine immer grössere Rolle zu spielen.

Erotisches Begehren, existenzielles Befragen, medizinischer Wissensdrang: Den fotografischen Blick auf den Körper bestimmen heute partikuläre Interessen. Wer glaubt, dass das Thema längst ausgeleuchtet und erschöpft ist, irrt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Augen dringen mit ungestilltem Verlangen in immer wieder neue Zonen dieser Terra incognita vor.

Musée de l'Élysée, Lausanne, bis 2. April. - Die Ausstellung "Der Triumph der Form" dauert vom 13. April bis 12. Juni, die Ausstellung "Der Triumph des Fleisches" vom 12. Oktober bis 14. Januar 2001.

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