Transsexuell
Body unlimited
Transsexuell auf der Suche nach einer tieferliegenden Identität:
Die Autorin sieht im Sprengen von sozialen Konventionen und
physischen Grenzen eine geistig-seelische Erfahrung.
VON RACHEL POLLACK
Transsexualität ist die moderne Erscheinungsform für
ein Bewusstsein und Verhalten, das in allen Epochen der Geschichte
der Menschheit vorgekommen ist. In praktisch allen Kulturen
finden sich Menschen, die ihre Geschlechtlichkeit, ihr sexuelles
Verhalten und selbst ihren Körper umgewandelt haben.
Als die Göttin Kybele, die Grosse Mutter aller Götter,
aus dem kleinasiatischen Phrygien nach Rom zog, brachte sie
ihre "galloi" mit. Es waren Gefolgsleute, die als
männliche Wesen geboren worden waren, sich aber selbst
entmannt hatten. Das entsprechende Ritual wurde mit wildem Gesang
und ekstatischem Tanz begangen, an dem auch Zuschauer teilnahmen
und den "galloi" Blumen zuwarfen. In der Genesungszeit
assen die "galloi" jene Ritualspeisen, die üblicherweise
den Wöchnerinnen vorbehalten waren. Nach der Heilung traten
sie in die Dienste Kybeles ein und trugen fortan frauenkleider.
Kybele war selber ursprünglich ein doppelgeschlechtliches
Wesen, bis die männlichen Organe entfernt wurden. Gemäss
mehreren Quellen soll es Dionysos, der Gott des Weines und der
Ekstase, gewesen sein, der diese "Operation" vornahm.
Auch Dionysos selbst wurde transgeschlechtlich geboren und als
Mädchen grossgezogen.
Seien es Astarte und Ischtar im Mittleren Osten oder Artemis
und Aphrodite in Griechenland - die Göttinnen der alten
Kulte zählten besondere Menschen zu ihrem Gefolge. Menschen,
die wir heute Transsexuelle nennen würden. Frauen entledigten
sich ihrer Brüste und fanden Mittel und Wege, die Menstruation
zu stoppen; sie trugen fortan Männerkleider und einen Phallus.
Männer kleideten sich als Frauen und praktizierten die
Selbstentmannung.
In den Gesängen Homers wird Aphrodite als Göttin der
Liebe dargestellt. Ihre Huldiger beschrieben sie aber auch als
Hermaphrodit - ein Begriff, der aus der Verbindung von "Hermes",
einem phallischen Gott, und "Aphrodite" entstand.
Selbst der Mythos von der Geburt Aphrodites weist auf einen
uralten transsexuellen Hintergrund hin: Hesiod (um 700 v. Chr.)
erzählt, dass Uranus, der Gott des Himmels, zum Tyrannen
wurde, Gaia (die Erde) ersticken und ihre gemeinsamen Kinder
vernichten wollte. Gaia schuf eine Sichel und gab sie ihrem
Sohn Kronos (Saturn), der damit seinen Vater entmannte und die
abgeschnittenen Genitalien ins Meer warf. Dem Wasser entstieg
Aphrodite, die vollkommene Weiblichkeit.
Der offenkundigste Unterschied zwischen heutigen Transsexuellen
und den Huldigern von Kybele oder Aphrodite liegt in der Anwendung
moderner medizinischer Technologie. Heute leiten die transsexuellen
Männer und Frauen ihre physische Umwandlung mit einer Hormonbehandlung
ein. Bei transsexuellen Frauen - Männer, die zu Frauen
werden - verursachen östrogen und andere Hormonbehandlungen
das Wachstum der Brüste, die Rundung der Hüften sowie
die Verlagerung der Fettzellen, zudem werden Gesichtszüge
weicher. Transsexuelle Männer, Frauen, die zu Männern
werden, nehmen das Hormon Testosteron ein, das eine tiefere
Stimme und Bartwuchs, aber auch Kahlwuchs, Verhärtung und
kanötigere Konturen des Körpers bewirkt.
Transsexuelle Menschen gehen somit in dem Geschlecht, dem sie
sich zugehörig fühlen, durch eine zweite Pubertät.
An die erste denken viele nur mit schmerzlichen Gefühlen
zurück, weil sich ihr Körper damals auf eine Art veränderte,
die ihnen zuwider war. Diesmal gehen die Veränderungen
mit der erwartungsfrohen Spannung, den gesellschaftlichen Ungeschicklichkeiten
und der Experimentierlust einher, die wir gemeinhin mit Teenagern
assoziieren.
Der operative Eingriff erfolgt nach 12 Monaten Hormonbehandlung
und "cross-living": der Kleidung, dem Arbeiten und
dem gesellschaftlichen Leben in der Rolle des Geschlechtes,
das der transsexuelle Mensch anzunehmen wünscht und dem
er sich insgeheim immer zugehörig fühlte.
Bei der Operation vom Mann zur Frau geht es nicht einfach darum,
die Genitalien zu entfernen. Der chirurgische Eingriff soll
sie vielmehr neu formen. Der Chirurg stülpt den Penis um
und verwendet das Gewebe zum Aufbau der Innenwand für die
neue Vagina. Der Hodensack wird zu Schamlippen umgewandelt,
während die neue Klitoris die hochsensiblen Nervenenden
der Penisspitze aufnimmt. Da die Wirkung des östrogens
auf den Körper begrenzt ist, behalten viele transsexuelle
Frauen männliche Attribute wie etwa die tiefe Stimme.
Die Operation, mit der eine Frau zum Mann wird, ist komplizierter
und das Resultat weniger zufriedenstellend. Erste einfache Eingriffe
betreffen die Reduzierung der Brust und eine Hysterektomie:
die Entfernung der Gebärmutter. Schwieriger ist die Herstellung
eines Penis. Der Chirurg formt das Organ aus Hautstücken,
die er verschiedenen Körperstellen entnimmt. Das Peniskonstrukt
dient zur Vergrösserung der Klitoris, die durch die Testosterongaben
häufig phallusäähnlich gewachsen ist. Einen neuen Körperteil
zu schaffen ist natürlich viel schwieriger - und auch teurer
-, als etwas Vorhandenes abzuändern.
Aus diesem Grund wollen sich viele transsexuelle Männer
diesem letzten Schritt nicht unterziehen. Ihre durch die starke
Wirkung des Testosterons vergrösserte und damit penisäähnliche
Klitoris genügt ihren sexuellen Bedürfnissen meist,
und die physische Erscheinung als Mann ist ihnen wichtiger als
die intime sexuelle Funktionstüchtigkeit. Mit ihrem Bartwuchs
und einem muskulösen Körper lässt sich die Mehrzahl
der transsexuellen Männer von gewöähnlichen, nicht
transsexuellen Männern kaum unterscheiden.
Viele sehen in der Geschlechtsumwandlung eine Vergewaltigung
der Natur. Dabei gilt es aber auch folgendes zu bedenken: Jeder
Fötus beginnt sein Leben als androgynes Wesen, dessen Geschlechtsentwicklung
in beide Richtungen gehen kann. Die Geschlechtsdrüsen,
in denen sich die Geschlechtszellen für die Vagina wie
für den Penis bilden, sind bei männlichem und weiblichem
Fötus dieselben. Schamlippen und Hodensack entstehen aus
dem gleichen Gewebe. In gewissem Sinne macht der Chirurg lediglich
die ursprüngliche Entwicklung rückgängig - oder
"korrigiert" sie, wie es die Transsexuellen nennen.
In der westlichen Kultur hat sich die eindimensionale Sicht
der geschlechtlichen Identität behauptet. Wer mit einem
Penis auf die Welt gekommen ist, muss sich als Mann verstehen,
männlich agieren und Sex mit Frauen wünschen. Jene
mit einer Vagina haben genau umgekehrt zu empfinden. Nach demselben
Denkmuster glauben viele, dass Transsexualität eine extreme
Form der Homosexualität sei. Als ob ein schwuler Mann sich
selbst nicht akzeptieren könnte und versuchen wollte, eine
"normale" heterosexuelle Frau zu werden. Transsexualität
hat indessen nicht das Geringste mit der frage zu tun, ob jemand
Frauen oder Männer begehrt. Statt als homosexuelle Männer
zu leben, werden viele transsexuelle Frauen nach ihrer Mann-zu-Frau-Operation
Lesbierinnen. Umgekehrt gehen etliche Frau-zu-Mann-Transsexuelle
eine gleichgeschlechtliche Beziehung mit einem Mann ein.
Die Transsexualität lehrt uns, dass anatomisches Geschlecht,
geschlechtliche Identität, sexuelle Vorlieben wie auch
männliches und weibliches Rollenverhalten voneinander unabhängige
Elemente sind, die sich in ihren möglichen Kombinationen
in jedem Menschen unterschiedlich auswirken. Eine transsexuelle
Frau weiss, dass sie eine Frau ist, ein transsexueller Mann
weiss, dass er ein Mann ist, das ist alles. Transsexualität
ist eine Erfahrung im geistig-seelischen Bereich, ein spirituelles
Erwachen; mit rationalem Denken und Verstand haben diese Empfindungen
rein gar nichts zu tun.
Ein Grossteil der transsexuellen Frauen und Männer entscheidet
sich nur nach langen inneren Kämpfen dafr, die Geschlechtsumwandlung
tatsächlich durchführen zu lassen. Niemand hat jemals
irgendwen dazu gezwungen, ein "gallos" zu werden.
Ebensowenig treibt auch niemand die Transsexuellen zu einer
Operation. Ihre innere überzeugung ist so stark, dass sie
sich durch nichts verunsichern lassen. Diese Determiniertheit
hilft ihnen, die bevorstehenden medizinischen Schwierigkeiten
und sozialen Probleme durchzustehen.
In den ersten Dekaden der transsexuellen klinischen Behandlungen
kam das "cross-living" einem Sterben gleich. Die transsexuellen
Frauen und Männer liessen Arbeit, freunde und Familie zurück,
zogen an einen andern Ort und bauten sich eine neue Identität
auf, wobei sie alles daran setzten, dass niemand ihre Geschichte
erfahren würde. In den letzten Jahren haben sich nicht
wenige Transsexuelle dafr entschieden, die Phase des "cross-living"
nicht mehr zu verheimlichen. Statt ihr soziales Netzwerk aufzugeben,
suchen sie die Unterstützung ihrer freunde. Statt eine
andere Stelle zu finden oder eine neue Karriere aufzubauen,
geben sie ihren Entschluss bekannt, während der Geschlechtsumwandlung
ihre Arbeit beizubehalten. Die neue Offenheit kommt von den
Transsexuellen selber: Sie sehen keinen Grund, wieso sie ihre
wahre Identität verbergen sollten.
Transsexualität lässt sich nicht mit logischen überlegungen
begreifen. Es geht nicht um Logik; es geht um eine Passion.
Es ist kein Zufall, dass zu den Figuren der griechischen Mythologie,
die mit Geschlechtswechsel assoziiert werden, die Göttin
der Liebe und der Gott der Ekstase gehören.
Was sonst ausser purer Leidenschaft könnte einen Menschen
soweit bringen, dass er seine soziale Stellung aufgibt, Spott
und Hohn der Gesellschaft und vielleicht sogar Gewalttätigkeiten
auf sich nimmt, seine Karriere, freunde, Familie aufs Spiel
setzt und zu guter Letzt seinen Körper mittels Medikamenten
und chirurgischer Eingriffe umwandeln lässt? Das Verlangen
ist so alt wie die Menschheit.
Die Transsexualität hat damit begonnen, diese Passion zu
erforschen, indem sie Themenbereiche wie jene der Identität,
des tiefverwurzelten Glaubens oder Annahmen von vermeintlichen
physischen Wahrheiten anspricht.
Im Zeitalter des Coming-out sehen auch immer mehr Transsexuelle
keinen Grund, wieso sie ihre wahre Identität im Alltagsleben
verbergen sollten. Das "cross-living" kommt für
viele nicht mehr länger einem Sterben gleich.
Rachel Pollack ist Schriftstellerin. Sie hat in den USA bisher
17 Bücher geschrieben, darunter fünf Romane, von denen
"Unquenchable Fire" mit einem Preis ausgezeichnet
wurde. Ihr neustes Buch, "The Body of the Goddess",
wird Anfang 1997 veröffentlicht. 1992 sprach sie im Europarat
zum Thema Transsexualität. Vor kurzem feierte Rachel Pollack
den 20. Jahrestag ihrer Umwandlung vom Mann zur Frau.
Zur Person von Rachel Pollack aus ihrem Buch "Unquenchable
Fire" (Orbit, London, 1988; ISBN 1-85723-182-1):
"A poet and award-winning novelist, Rachel Pollack was
born in Brooklyn in 1945. At the age of nine Rachel moved with
her family to Poughkeepsie, New York - the setting for her novel
UNQUENCHABLE FIRE. In 1971 she moved to Europe, expecting to
stay for a year. She returned to the United States in 1990.
Rachel has been, amongst other things, a jewellery maker, a
perfume bottler an a bookseller. She now writes full-time, as
well as giving workshops and classes in Tarot, a subject on
which she is considered by many to be the world's foremost commentator;
her books on the subject have been published in seven languages.
Rachel Pollack now lives in Rhinebeck, New York."
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