Die Autorin Rhea Sturm ist ausgebildete Tnzerin und
Choreographin, befasst sich speziell mit geschlechtsspezifischen Themen.
Wenn wir uns mit Worten unterhalten, wollen wir
uns einander mitteilen, Botschaften, Inhalte austauschen. Schliessen wir den Mund, so ist
unsere Mitteilung abgeschlossen - Pause. So einfach scheint es, nichts zu sagen.
Wie steht es nun aber whrend dieser Pause und
auch schon vorher mit Mitteilungen zu persnlichen Eigenschaften wie dem Alter, dem
Geschlecht, der Rassenzugehörigkeit? Schau hin und du siehst auch den gesellschaftlichen
Status deines Gegenbers. Gefühle und Einstellungen, Selbstbild und SelbstwertGefühl
eines Menschen, solche Themen gehren nicht zum tglichen nachbarlichen Zaungesprch.
Dennoch werden wir auch regelmässig über diese persnlichsten Merkmale und
Befindlichkeiten eines Menschen aufgeklrt, ohne Worte, solange wir mit diesem eine
Sichtverbindung aufrechterhalten, denn ein weites Kommunikationsfeld wird durch unseren
Körper abgedeckt.
Von klein auf besitzen und lernen wir eine
Körpersprache, in der wir, Zeit unseres Lebens, pausenlos sprechen. Instinktiv scheinen
wir diese Sprache zu beherrschen und befassen uns vorwiegend mit sachlichen, konkreten
Inhalten und Gedanken, dem symbolischen System der verbalen Sprache, denn zugegeben, der
Körper ist nicht ein geeignetes Medium, um eine neue Idee rational darzulegen.
Wenn wir jetzt die Körpersprache etwa auf die
Mglichkeit von Ausdruck einerseits und gegenseitigem Austausch von Gefühlen
andererseits beschrnken wollen, werden wir ihr wiederum nicht gerecht, denn mit Einsatz
der Körpersprache wird Macht demonstriert und erobert, in ihr ist gesellschaftliche und
politische Ordnung verankert. Es bestehen viele Verhaltensregeln, an die man sich zu
halten hat, zum Beispiel in der Schule, in der Kirche, im Militrdienst, im Beruf. Wir
müssen den Ausdruck unserer Gefühle unter Kontrolle bekommen und, je nach Ereignis,
standesgemss und der sozialen Rolle entsprechend situationsbezogen reagieren können.
Die Körpersprache wird zum Gradmesser von
Angepasstheit an ein kulturelles Umfeld. Rollenspezifisches Verhalten, verbindliche
Regelungen müssen wir im Verlauf der individuellen Sozialisation von frh auf erlernen
und verinnerlichen. Je früher ein Verhaltensvokabular gelernt wurde, desto strker
konnte sich dies verfestigen, bei den meisten Menschen sogar so sehr, dass sie dieses
Zusammenspiel verschiedenster erlernten Rollen als etwas Eigenes betrachten, als
Persönlichkeitsstruktur: ICH BIN SO. Dabei wird vergessen, auf den sozialen
gesellschaftlichen Bezug einzugehen. ICH WURDE SO: Anhand gewisser körpersprachlicher
"Ungereimtheiten" werden Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt. Eine nicht
normgerechte Körpersprache kann verwirren und fordert zum berdenken von eigenen Mustern
heraus. Das berfordert viele. Sie weichen einer ungewohnten Begegnung aus. Denn Menschen
mit abweichender Ausdrucksform sind losgelst von konformer, gesellschaftlich definierter
Körpersprache, die sich nach Alter, Geschlecht und sozialer Rolle zu richten hat.
Deshalb kommen Grenzgnger jeglicher Art in
ihrem Alltag immer wieder in Situationen, wo sie merken, dass sie allein durch ihr
Auftreten gesprochen haben, bevor sie ihren Mund berhaupt geffnet haben.
Eine Gesellschaft kann verbindliche Regeln für
den Ausdruck von Gefühlen vorschreiben. Sie kann die Einzelnen in ihrem Innersten und
Eigensten angreifen, weil eigene Gefühle unterdrckt, verdrängt oder zumindest
gedmpft werden mss(t)en, wenn jemand gesellschaftlich eingebettet sein will. Der
Einsatz des Körpers wird zu einem MachtinsTräument. Das heisst, bestimmte Verhaltensmuster
werden bestimmten Gruppierungen zugeordnet, lassen nur einen eingeschrnkten Spielraum,
um sich zu bewegen. Dessen bewusst geworden, können wir durch Beobachtung und FeinGefühl
für Körpersignale und Haltungen Botschaften empfangen, die uns wichtige Hinweise über
Glaubwrdigkeit und Echtheit eines Ausdrucksverhaltens liefern.
Ein guter Schauspieler beherrscht die
Körpersprache, kann sie gezielt einsetzen und mit seiner verbalen usserung in Einklang
bringen. So sind auch wir die SchauspielerInnen unseres eigenen Lebensfilms und spielen
unsere Rollen so weit es uns möglich ist, manchmal berzeugend, manchmal weniger gut.
Wir berspielen oft Gefühle, bergehen innere Welten und berzeugen dabei eine grosse
Menge von Menschen. In Kursen können wir lernen, wie wir uns zu verhalten haben; immer
mehr wird auch die Wichtigkeit des Körpers, der Haltung einbezogen. Die Medien,
insbesondere die Werbung, bedienen sich mit stereotypen körpersprachlichen Posen und
Bewegungen. Frauen berhren sich selbst oder ihre Bekleidung, eng umschlungen, vorsichtig
und zrtlich; oder sie schmiegen sich an ihre Partner, die mit möglichst hoch
eingesttzten Ellbogen SelbstwertGefühl demonstrierend, breit auf ihren eigenen Beinen
stehen. Warum ist er immer grsser als sie? Wird er ihr auch einmal liebevoll und sanft
ein Stubchen von der Schulter wischen? Schlgt sie ihm manchmal kumpelhaft zur
Begrssung auf den Rcken?
Warum schaut er mit angestrengtem Blick und
verengten Augenschlitzen, mit gerunzelter Stirn, khn in die strahlende Sonne,
whrenddessen sie mit bereinandergeschlagenen Beinen, dabei die eine Hand zwischen die
Oberschenkel geklemmt, mit der anderen Hand die Haare hochhebend, mit Sonnenbrille zu ihm
hochschaut? Körpersprache ist Geschlechterpolitik.
Männer, warum zieht Ihr nicht Stckelschuhe an
und schreitet immer noch zielstrebig dynamisch? Tupft Euer Aftershave selbstverzckt und
zrtlich auf Eure Backen, verwandelt Euch in samtweiche Kuschelobjekte und betrachtet
Euch verzaubert im Spiegel! Ihr werdet Eure Körpersprache um ein Vielfaches erweitern
können.
Frauen gebt Euch cool, signalisiert
emotionale Unabhngigkeit von anderen Menschen, werdet zu lonely cowgirls mit pokerface
und steinernen Mienen. Aber vorsichtig, denn durch die bestndige und massive
Verdrängung, Maskierung oder Abschwchung von Zeichen durchaus vorhandener Gefühle der
Schwche, des Schmerzes oder seelischen Leids können depressive Erkrankungen von
FachrztInnen bersehen und so nicht therapiert werden. Dies kommt in der Realitt der
Männerwelt besonders häufig vor und richtet sich gegen sie selbst.
Transsexuelle, öffnet Euch, lst euch von den
Rollenmustern, seid identisch mit euch selbst. Ihr werdet Euch selber entdecken und ein
Potenzial an Mglichkeiten wiederfinden als Mensch, in Eurem Körper.