berarbeitete Version, ursprünglich erschienen im frAGILE vom Dezember 1995

Den Körper sprechen lassen

Menschen sprechen nicht nur in Worten.
Auch mit ihrer Körpersprache teilen sie sich ihrer Umwelt mit.

Die Autorin Rhea Sturm ist ausgebildete Tnzerin und Choreographin, befasst sich speziell mit geschlechtsspezifischen Themen.

Wenn wir uns mit Worten unterhalten, wollen wir uns einander mitteilen, Botschaften, Inhalte austauschen. Schliessen wir den Mund, so ist unsere Mitteilung abgeschlossen - Pause. So einfach scheint es, nichts zu sagen.

Wie steht es nun aber whrend dieser Pause und auch schon vorher mit Mitteilungen zu persnlichen Eigenschaften wie dem Alter, dem Geschlecht, der Rassenzugehörigkeit? Schau hin und du siehst auch den gesellschaftlichen Status deines Gegenbers. Gefühle und Einstellungen, Selbstbild und SelbstwertGefühl eines Menschen, solche Themen gehren nicht zum tglichen nachbarlichen Zaungesprch. Dennoch werden wir auch regelmässig über diese persnlichsten Merkmale und Befindlichkeiten eines Menschen aufgeklrt, ohne Worte, solange wir mit diesem eine Sichtverbindung aufrechterhalten, denn ein weites Kommunikationsfeld wird durch unseren Körper abgedeckt.

Von klein auf besitzen und lernen wir eine Körpersprache, in der wir, Zeit unseres Lebens, pausenlos sprechen. Instinktiv scheinen wir diese Sprache zu beherrschen und befassen uns vorwiegend mit sachlichen, konkreten Inhalten und Gedanken, dem symbolischen System der verbalen Sprache, denn zugegeben, der Körper ist nicht ein geeignetes Medium, um eine neue Idee rational darzulegen.

Wenn wir jetzt die Körpersprache etwa auf die Mglichkeit von Ausdruck einerseits und gegenseitigem Austausch von Gefühlen andererseits beschrnken wollen, werden wir ihr wiederum nicht gerecht, denn mit Einsatz der Körpersprache wird Macht demonstriert und erobert, in ihr ist gesellschaftliche und politische Ordnung verankert. Es bestehen viele Verhaltensregeln, an die man sich zu halten hat, zum Beispiel in der Schule, in der Kirche, im Militrdienst, im Beruf. Wir müssen den Ausdruck unserer Gefühle unter Kontrolle bekommen und, je nach Ereignis, standesgemss und der sozialen Rolle entsprechend situationsbezogen reagieren können.

Die Körpersprache wird zum Gradmesser von Angepasstheit an ein kulturelles Umfeld. Rollenspezifisches Verhalten, verbindliche Regelungen müssen wir im Verlauf der individuellen Sozialisation von frh auf erlernen und verinnerlichen. Je früher ein Verhaltensvokabular gelernt wurde, desto strker konnte sich dies verfestigen, bei den meisten Menschen sogar so sehr, dass sie dieses Zusammenspiel verschiedenster erlernten Rollen als etwas Eigenes betrachten, als Persönlichkeitsstruktur: ICH BIN SO. Dabei wird vergessen, auf den sozialen gesellschaftlichen Bezug einzugehen. ICH WURDE SO: Anhand gewisser körpersprachlicher "Ungereimtheiten" werden Menschen gesellschaftlich ausgegrenzt. Eine nicht normgerechte Körpersprache kann verwirren und fordert zum berdenken von eigenen Mustern heraus. Das berfordert viele. Sie weichen einer ungewohnten Begegnung aus. Denn Menschen mit abweichender Ausdrucksform sind losgelst von konformer, gesellschaftlich definierter Körpersprache, die sich nach Alter, Geschlecht und sozialer Rolle zu richten hat.

Deshalb kommen Grenzgnger jeglicher Art in ihrem Alltag immer wieder in Situationen, wo sie merken, dass sie allein durch ihr Auftreten gesprochen haben, bevor sie ihren Mund berhaupt geffnet haben.

Eine Gesellschaft kann verbindliche Regeln für den Ausdruck von Gefühlen vorschreiben. Sie kann die Einzelnen in ihrem Innersten und Eigensten angreifen, weil eigene Gefühle unterdrckt, verdrängt oder zumindest gedmpft werden mss(t)en, wenn jemand gesellschaftlich eingebettet sein will. Der Einsatz des Körpers wird zu einem MachtinsTräument. Das heisst, bestimmte Verhaltensmuster werden bestimmten Gruppierungen zugeordnet, lassen nur einen eingeschrnkten Spielraum, um sich zu bewegen. Dessen bewusst geworden, können wir durch Beobachtung und FeinGefühl für Körpersignale und Haltungen Botschaften empfangen, die uns wichtige Hinweise über Glaubwrdigkeit und Echtheit eines Ausdrucksverhaltens liefern.

Ein guter Schauspieler beherrscht die Körpersprache, kann sie gezielt einsetzen und mit seiner verbalen usserung in Einklang bringen. So sind auch wir die SchauspielerInnen unseres eigenen Lebensfilms und spielen unsere Rollen so weit es uns möglich ist, manchmal berzeugend, manchmal weniger gut. Wir berspielen oft Gefühle, bergehen innere Welten und berzeugen dabei eine grosse Menge von Menschen. In Kursen können wir lernen, wie wir uns zu verhalten haben; immer mehr wird auch die Wichtigkeit des Körpers, der Haltung einbezogen. Die Medien, insbesondere die Werbung, bedienen sich mit stereotypen körpersprachlichen Posen und Bewegungen. Frauen berhren sich selbst oder ihre Bekleidung, eng umschlungen, vorsichtig und zrtlich; oder sie schmiegen sich an ihre Partner, die mit möglichst hoch eingesttzten Ellbogen SelbstwertGefühl demonstrierend, breit auf ihren eigenen Beinen stehen. Warum ist er immer grsser als sie? Wird er ihr auch einmal liebevoll und sanft ein Stubchen von der Schulter wischen? Schlgt sie ihm manchmal kumpelhaft zur Begrssung auf den Rcken?

Warum schaut er mit angestrengtem Blick und verengten Augenschlitzen, mit gerunzelter Stirn, khn in die strahlende Sonne, whrenddessen sie mit bereinandergeschlagenen Beinen, dabei die eine Hand zwischen die Oberschenkel geklemmt, mit der anderen Hand die Haare hochhebend, mit Sonnenbrille zu ihm hochschaut? Körpersprache ist Geschlechterpolitik.

Männer, warum zieht Ihr nicht Stckelschuhe an und schreitet immer noch zielstrebig dynamisch? Tupft Euer Aftershave selbstverzckt und zrtlich auf Eure Backen, verwandelt Euch in samtweiche Kuschelobjekte und betrachtet Euch verzaubert im Spiegel! Ihr werdet Eure Körpersprache um ein Vielfaches erweitern können.

Frauen gebt Euch cool, signalisiert emotionale Unabhngigkeit von anderen Menschen, werdet zu lonely cowgirls mit pokerface und steinernen Mienen. Aber vorsichtig, denn durch die bestndige und massive Verdrängung, Maskierung oder Abschwchung von Zeichen durchaus vorhandener Gefühle der Schwche, des Schmerzes oder seelischen Leids können depressive Erkrankungen von FachrztInnen bersehen und so nicht therapiert werden. Dies kommt in der Realitt der Männerwelt besonders häufig vor und richtet sich gegen sie selbst.

Transsexuelle, öffnet Euch, lst euch von den Rollenmustern, seid identisch mit euch selbst. Ihr werdet Euch selber entdecken und ein Potenzial an Mglichkeiten wiederfinden als Mensch,  in Eurem Körper.

Falls Sie jetzt im Gesicht kratzen oder an Ihren Ngeln kauen, können Sie dies durchaus als Ausdruck innerer Konflikte betrachten, aber so können Sie Ihre Selbstaggressionen abbauen. Lachen hinter vorgehaltener Hand htte eher auf eine "kindliche" Unsicherheit und Schamhaftigkeit gedeutet, whrenddessen eine einfache Umklammerung der Maus aufgestaute Spannung aufgelst htte.

 

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