erschienen in der Fabrikzeitung

Camouflage und Fond de teint

Zur Vernderung von Körpergeschlecht und Geschlechteridentitt

Von Astrid E. Frischknecht

Ursprnglich, so erzählt Aristophanes, waren die Menschen Doppelwesen von dreierlei Art: Mannmann, fraufrau und Mannfrau. Diese Wesen waren bermtig und dem Himmel nicht sehr gefgig. Deshalb sann Zeus auf Abhilfe. Er halbierte alle diese Wesen, und damit war auch ihr bermut halbiert und für die Gtter ertrglich. äusserlich gab es jetzt nur noch Frau und Mann. Doch war in jedem Menschen die Sehnsucht nach seiner ehemaligen Hlfte zurckgeblieben.

Ein Mann, das bin ich. Was mich zu der Annahme bewegt, dass ich ein Mann bin? Wieso ich mich als Mann fhle? Wohl aufgrund einer Definiton die vielleicht vor etwa zwei- dreitausend Jahren gemacht wurde. Kennen tu ich die zwar nicht, fhle mich aber durch sie angesprochen, wie immer diese Definition auch sein mag.

Vor dem Stimmbruch wurde ich am Telefon oft mit meiner Mutter verwechselt. Wrde mich heute noch jemand mit einer Frau verwechseln, wrde ich am Geisteszustand meines Gegenbers zweifeln. Schliesslich bin ich keine Frau. Da bin ich mir sehr sicher. Erstens sehe ich, was sich zwischen meinen Beinen bewegt. Und zweitens ist mein Verhalten eher männlich geprgt und ich stehe auf Frauen. Dass aber Lesben Männer sind, weil sie auf Frauen stehen, wre ein falscher Schluss. Vagina, Brste und ihr Gefühl Frauen zu sein widersprechen einem solchen.

Rcke, ausser den schottischen, gefallen mir nicht. Ich wrde nie einen Rock tragen, genauso wenig wie ich eine Krawatte tragen wrde. Es strahlt etwas aus, das nicht zu mir gehrt. Rcke sind weiblich, je krzer umso weiblicher. Wrde ich mich weiblich fühlen, wrde ich einen anziehen. Was aber weiblich ist, kann ich nicht definieren. Hosen sind aber nicht männlich.

Ich weiss nicht welche Definitionen hinter weiblich oder männlich verborgen sind, aber ich habe mich denen angepasst. Ich lebe das abstrakte Grundgesetz der Geschlechtlichkeit in unserer Kultur, das heisst, entweder weiblich oder männlich, entweder Frau oder Mann. Abstrakt ist die Zweigeschlechtlichkeit insofern, als alle Menschen unbewusst beides sind, "weiblich" und "männlich", fraumann und Mannfrau, und weil allen Menschen bewusst, jedenfalls in der Fantasie, über Wnsche, Empfindungen, Eigenschaften und Verhaltensweisen verfgen, die in unserer Kultur dem jeweils anderen Geschlecht zugeordnet werden. Abstrakt ist die Zweigeschlechtlichkeit auch, weil das eine Geschlecht ohne das andere nicht einmal gedacht werden knnte, weil das körperlich vorausgegebene Geschlecht ohne das Seelenleben gar nicht existierte. Ein Kriterium um die Gesellschaftsindividuen in die Kategorien "männlich/weiblich" einzuteilen ist das Aussehen. Man weiss ja schliesslich, wie eine Frau oder ein Mann aussieht, oder? Bei Unsicherheiten helfen Namen. Namen machen Geschlechter.

Lange Zeit lehnte ich alles weibliche ab und positionierte mich unmissverstndlich hinter dem Begriff Männlichkeit. Heute verstehe ich warum und erkenne den Zwist. Ich grenzte mich von etwas ab, das ich (be)frchtete. Das Leben konnte so gradlinig und vorgespurt erscheinen.

Als Mann habe ich mich nie verstanden. Im Kindergarten glaubte ich, ich sei ein Junge. Aber schon ziemlich schnell merkte ich, dass die anderen schon anders waren. Im Laufe der Zeit fand ich heraus, dass es für mich ein Geheimnis ist, wass ein Mann ist. Rcke trug ich schon in meiner Kindheit. Als Erwachsene zog ich im Dezember 93 zum ersten Mal einen schwarzen Jupe und schwarze Strmpfe an, um in ein Kaffeehaus zu gehen. Es ist einfacher sich in einer Gesellschaft mit festen Werten zu manifestieren - einer Gesellschaft die weiss, wie ein Mann auszusehen hat und wie eine Frau.

Camouflage und Fond de teint nach dem Rasieren ergeben einen ausgleichenden Effekt und verdecken den Bartschatten. Es ist mir heute noch ein Rtsel was die Leute sehen. Aufgrund der Reaktionen knnte ich einen Eindruck erhalten, aber mehr nicht. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Frauen und auch Männer sind in Beizen einfach auf mich zugekommen und sagten, sie fnden es super und ich wrde so toll aussehen. Wahscheinlich meinten sie einem Mann ein Kompliment zu machen, der aus seiner Rolle ausbricht. Manchmal begannnen sie mit mir über ihre sexuellen Probleme zu sprechen. Sie sprten, dass ich ein Mensch bin, der sich seiner Geschlechtlichkeit und seiner Sexualitt gestellt hat.

Als Mann bleibt dir nichts anderes brig, als das zu leben, was dir aufdoktriniert wird. Es ist wirklich so, dass von Männern anderes erwartet wird, als von Frauen. Den Menschen ist anzuhren, welches Geschlecht sie jemandem zuordnen. Nicht durch das was sie sagen, sondern durch die Erwartungen, die sie zum Ausdruck bringen. Ein Mann, der sich einbringt und seine Meinung sagt, gilt als durchsetzungsfhig. Eine Frau die dasselbe tut gilt als aggressiv. Frau und Mann handeln zwar identisch, trotzdem benutzen wir dafr zwei verschiedene Wrter, geschlechter-bestimmende Wrter. Wir sprechen im allgemeinen auch nicht von Menschen, sondern von Frauen und Männern.

Als Frau wurde ich feinfhliger, emotionaler. Das geschah nicht, weil ich es früher weniger gewesen wre. Sondern weil es mir als Frau eher zugestanden wird oder auch weil ich es mir besser zugestehen kann. Es ist ja ganz logisch. Stckelschuhe zwingen den Menschen beim Gehen auf die Hfte auszuweichen, das Stehen in einem solchen Schuh ergibt ein hohles Kreuz und lsst das Gesss prgnanter erscheinen. Es ergeben sich andere Rituale und die prgen uns.

Meine Sozialisation lernte mir Dinge, die ich in meinem Leben als Frau gut brauchen kann. Ich lernte durchsetzungsfhig zu sein. Heute gilt es als agressiv und wird negativ bewertet. Meine persnliche Interpretion dieser Eigenschaft ist aber eher positiv. Viele Frauen lassen etwas nicht zu, das nicht ihrer gesellschaftlichen Rolle entspricht. Zu einem wesentlichen Teil erfllen sie die ihnen auferlegten Bilder und manchmal erschrecken sie, wenn sie sehen, dass ihre Persönlichkeit viel farbiger und facettenreicher ist, als die gesellschaftlichen Rollen die sie fllen. Es muss richtig daran gearbeitet werden, dass alle Farben wieder sichtbar werden. Vielleicht muss ein Mann genauso daran arbeiten, seine Sensibilität zu frdern und richtig Zuhren zu lernen.

Ich traure um den Mann, der der Welt nicht erhalten blieb, ich freue mich aber auch für die Frau, die einzigartig und entwicklungsfhig ist. Manchmal spekuliere ich darber, was aus dem Mann geworden wre, wenn er eine andere Innenwelt gehabt htte. Das Schrecklichste für mich wre Geschlechtertrennung gewesen.

 frauenidentitt heisst für mich nicht äusserliche Vollkommenheit. Mir ist es wichtiger, das verwirklichen zu können, was mich interessiert und nicht was ich sollte. Mir wurde der androgyne Spielraum wichtig, der sowohl soviel männliches wie frauliches hat. Heute fhle ich mich soweit darin beheimatet, dass ich diese Rollenfreiheit geniessen kann. Einerseits ist es zwar immer wieder hart, deswegen in den jeweiliegen Situationen angepbelt zu werden, andrerseits beinhaltet sie Reichtum und freiheit. Und ausserdem gibt es ja viele andere, die, wie ich, die Arena der Geschlechterrollen verlassen haben.

 

Dieser Text basiert auf Interviews mit verschiedenen Männern und Frauen.

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