Wenn Eltern ihr Mdchen mit einem Knaben verwechseln
Transsexualität im Kontext von Kultur,
Gesellschaft und Politik
Von Astrid E. Frischknecht,
Analytikerin und Kommunikatorin in Geschlechterfragen, Zürich
Transsexuelle Personen profitieren oder
leiden, je nach Lebensstandort. Die Gesellschaft ist fasziniert von der Unglaublichkeit
eines Geschlechtswechsels. Der Glaube an die Unverrückbarkeit des Geschlechts wird durch
neugeschlechtliche Personen in Frage gestellt. Damit beginnt nicht nur die Reflexion über
das eigene Geschlecht bei Zuschauenden. Transsexualität berhrt eine weitere Dimension:
Unsere Gesellschaft, die mit Selbstverständlichkeit auf den Säulen der
Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut wurde. Die Kriterien für die amtlich fixierte
Geschlechtszugehörigkeit sind rudimentr und widersprechen heutigen Erkenntnissen von
Psychiatrie und Medizin.
Ohne jede Vorwarnung, aus scheinbar heiterem
Himmel, versuchen Geschlechtswechselnde ihren Bekannten, Geschwistern und Eltern zu
erklren, dass sie ihr primres Geschlechtsteil abscheulich finden, dass sie die damit
zusammenhngende soziale Geschlechterrolle ndern wollen und sie jetzt einen neuen
Vornamen htten. Was geschieht hier? Das einzig Tatschliche, die einzige Wahrheit, die
von Geburt dieses Menschen an von allen gesehen und geteilt werden konnte, wird zur
Variablen. Die Aussage das ist entweder ein Mann oder eine Frau wird ihrer
naturwchsigen Selbstverständlichkeit beraubt und das Gesetz der Geschlechtlichkeit
wird, zumindest vorbergehend, ausser Kraft gesetzt.
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Frau oder Mann - eine fiktive Abstraktion |
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Unmittelbar nach der Geburt eines Menschen wird
dessen Geschlechtszugehörigkeit auf Grund von sichtbaren Merkmalen definiert. Die
folgenden Lebensjahre dienen dem Heranwachsenden u. a. zur Identitätssuche
bezüglich Persönlichkeit und Geschlecht. Das soziale und gesellschaftliche Umfeld
vermittelt dem Individuum die Kriterien zur Katalogisierung von weiblich oder männlich.
Es werden die dem biologischen Geschlecht angepassten Gesten, Verhaltensweisen und
Kleider, Bewegungsmuster und sprachlichen Ausdrucksweisen durch tgliches ben erlernt.
Will sich ein Kind als Teil einer Gruppe fühlen
und respektiert werden, bleibt ihm keine andere Wahl, als den gesellschaftlichen
Verhaltenskodex des biologischen Geschlechts sehr schnell zu erlernen und zu
verinnerlichen. Ein Knabe wrde, falls er sich überhaupt traut und es die Eltern
zulassen, nur einmal im Rckchen seiner Schwester in den Kindergarten gehen. Gewaltig ist
der Druck ab der frühesten Kindheit, die Identität dem biologischen Geschlecht
anzupassen und sich dem Prinzip von Entweder-Oder - entweder männlich oder weiblich -
unterzuordnen. Ein Mensch, der seine Geschlechtsidentitt (Gender) nicht mit seinem
biologischen Geschlecht (Sex) abstimmen kann, verursacht in unserer Kultur Probleme.
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Ende der Kongruenz von Sex und Gender? |
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Die Struktur unserer Gesellschaft sieht vor, dass
sich jedes Individuum in eine der beiden vorgegebenen Geschlechtskategorien zwingend
einordnen lsst. Weil für diese Einreihung Vornamen alleine Unsicherheitsmomente
auslsen können, hat sich die Praxis eingebrgert, mittels einer unmissverstndlichen
frage - weiblich oder männlich - das Geschlecht durch Ankreuzen der entsprechenden
Kategorie festzuhalten.
Bevor sich Menschen, die ihr Geschlecht
wechselten, mit ihrer Geschichte durch die Medien der ffentlichkeit
prsentierten, wurden Sex (das biologische Geschlecht) und Gender (die
Geschlechtsidentitt) kaum als zwei unterschiedliche Dinge wahrgenommen. Die soziale
Dimension der Geschlechterwirklichkeit wurde lange nur in der zivilisatorischen
Wirkung eines biologischen Substrats gesucht. Die kulturelle Wirklichkeit zweier
Geschlechter kann aber nicht die Folge eines Unterschiedes der Genitalien sein, da diese
nur im bereits bestehenden Kontext dieser Wirklichkeit Geschlechtszeichen sind.
Transsexuelle bieten einen
innergesellschaftlichen Zugang zur Zuflligkeit unserer Geschlechterwirklichkeit. In
Alltagssituationen entscheiden nicht die Genitalien über die Geschlechtszugehörigkeit.
Wir erkennen ein Gegenber auf Grund von Insignien oder Zeichen von Geschlechtsorganen.
Diese Sexuierung kann Kleider, frisuren, Gesten, Körperhaltungen, Tätigkeiten oder Namen
umfassen. Das Alltagswissen über die Zweigeschlechtlichkeit zwingt zum Sehen von Männern
oder Frauen. Haben wir die Entscheidung einmal gefllt, halten wir an ihr fest, mag auch
vieles mit aller Deutlichkeit gegen den getroffenen Entscheid sprechen. Wir wissen eben,
dass Personen ihr Geschlecht dauerhaft haben und nicht einfach wechseln können.
Begegnet man dem Thema auf der kulturellen Ebene
und will die soziale Dimension ihren selbstndigen Platz, gert zuerst die eigene
Selbstverständlichkeit ins Wanken. Bei der Geburt wird die Geschlechtszugehörigkeit auf
Grund von bestimmten Hautfltelungen zwischen den Beinen festgestellt. Diese
Kategorisierung, die sich implizit auf die Genitalien beruft, verselbstndigt sich und
benötigt die eigene Begrndung nicht mehr. Das wird zum Beispiel dann deutlich, wenn
jemand für uns ein Mann bleibt, auch wenn er durch einen Unfall seine
Geschlechtsorgane verloren hat.
Die neue Auseinandersetzung mit unseren zwei
Geschlechtskategorien und deren sozialen Rollen stellt das hinterfragende Individuum
mitsamt seinem gesellschaftlichen Kontext auf ungefestigten Boden. Die Sichtweise, die
sich dabei erffnet, ermöglicht Wissbegierigen ein neues Lernfeld und bietet
Gesellschaftsproblemen neue Lsungshilfen an.
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Geschlecht als Gesellschaftsstabilisator |
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Die Mehrheit der Teilnehmenden unserer
Gesellschaft betrachten die Geschlechtszugehörigkeit als eine zentrale, die Gemeinschaft
strukturierende Grsse. Die gesetzliche Verankerung der Gleichstellung der Geschlechter
nderte an dieser bipolaren Sicht bisher nichts. Die Insignien oder kulturellen
Genitalien (Kessler/McKenna, 1978) beherrschen den innergesellschaftlichen Umgang der
Mitglieder.
Die staatliche Regelung von
Geschlechtszugehörigkeit verlangt biologische Fakten und nicht soziale Symbole von
Genitalien. Ausschlaggebend sind demzufolge die Hautfltelungen zwischen den Beinen nach
der Geburt. In der Regel lassen sich diese ohne Unsicherheitsfaktoren männlichen oder
weiblichen Genitalien zuordnen. Sind die Geschlechtsunterschiede verwischt und kommen
sowohl männliche wie weibliche Merkmale vor, bestimmt der Arzt oder die rztin durch
einen medizinischen Eingriff das endgltige Geschlecht. Intersexualitt
(Pseudohermaphroditismus) ist nicht vorgesehen. Ausserdem wre das Leben für einen
solchen Menschen, wrde ihm bei der Geburt nicht zu einer eindeutigen
Geschlechtszugehörigkeit verholfen, in unserer Gesellschaft ohne Zweifel schwierig.
Transsexuelle widersprechen und zementieren
Normen der gesellschaftlichen Ordnung. Die Inkongruenz von Sex und Gender lsst
Betroffene auf Grund der herrschenden Ordnung zuerst an sich selber zweifeln. Das eigene
Empfinden wird durch die erworbene Konformitt angezweifelt und abgelehnt. berwindet
die Person ihre Selbstzweifel und akzeptiert sie ihre eigenen Gefühle als persnliche
Realität, zwingt diese Ehrlichkeit die brige Gesellschaft, die kollektivistische
Wahrheit als mangelhaft zu erkennen. Die staatliche Struktur wird vorerst nicht berhrt.
Erst durch einen operativen Eingriff an einem
medizinisch gesunden Körper findet die soziale Wandlung verwaltungstechnischen Anklang.
Allerdings sind für eine Namensnderung nicht dem neuen Geschlecht angepasste Genitalien
notwendig, das medizinische Gutachten muss nur die Zeugungsunfhigkeit des Gesuchstellers
oder der Gesuchstellerin attestieren.
Die Psychiatrie unterstützt das Begehren eines
Geschlechtswechsels nach genauen Abklrungen der betroffenen Person durch ein
psychiatrisches Gutachten. Die regelmässigen Sitzungen klren Hintergrnde und
Persönlichkeit des Ratsuchenden und geben dem Psychiater oder der Psychiaterin die
Gelegenheit, hinter dem Geschlechtswechselnden den Menschen zu erkennen. Wird die durch
die Psychiatrie eingeleitete Entpathologisierung der Transsexualität ernst genommen,
stellt sich die frage, ob die Gesellschaftsmitglieder ihre Verantwortung durch Akzeptanz
und Toleranz zuknftig bernehmen oder ob sie weiterhin die Mngel der
gesellschaftlichen Regeln den Krankenkassen berantworten.
Quellen:
St. Hirschauer: Die
soziale Konstruktion der Transsexualität.
Suhrkamp-Verlag, frankfurt 1993.
W. Wickler,
U. Seibt: Männlich, weiblich. Piper-Verlag, Mnchen 1983.
V. Sigusch:
Geschlechtswechsel. KleinVerlag, Hamburg 1992.
A. E. Frischknecht
(Hrsg.): Auf der Suche nach Identität -
Interviews mit Geschlechtswechselnden. Publikation in Vorbereitung.
Internet: www.transx.ch