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erschienen in der Zeitfragen-Beilage der NZZ vom 18.09.1999

Wenn Eltern ihr Mdchen mit einem Knaben verwechseln

Transsexualität im Kontext von Kultur, Gesellschaft und Politik

Von Astrid E. Frischknecht,
Analytikerin und Kommunikatorin in Geschlechterfragen, Zürich

 Transsexuelle Personen profitieren oder leiden, je nach Lebensstandort. Die Gesellschaft ist fasziniert von der Unglaublichkeit eines Geschlechtswechsels. Der Glaube an die Unverrückbarkeit des Geschlechts wird durch neugeschlechtliche Personen in Frage gestellt. Damit beginnt nicht nur die Reflexion über das eigene Geschlecht bei Zuschauenden. Transsexualität berhrt eine weitere Dimension: Unsere Gesellschaft, die mit Selbstverständlichkeit auf den Säulen der Zweigeschlechtlichkeit aufgebaut wurde. Die Kriterien für die amtlich fixierte Geschlechtszugehörigkeit sind rudimentr und widersprechen heutigen Erkenntnissen von Psychiatrie und Medizin.

Ohne jede Vorwarnung, aus scheinbar heiterem Himmel, versuchen Geschlechtswechselnde ihren Bekannten, Geschwistern und Eltern zu erklren, dass sie ihr primres Geschlechtsteil abscheulich finden, dass sie die damit zusammenhngende soziale Geschlechterrolle ndern wollen und sie jetzt einen neuen Vornamen htten. Was geschieht hier? Das einzig Tatschliche, die einzige Wahrheit, die von Geburt dieses Menschen an von allen gesehen und geteilt werden konnte, wird zur Variablen. Die Aussage das ist entweder ein Mann oder eine Frau wird ihrer naturwchsigen Selbstverständlichkeit beraubt und das Gesetz der Geschlechtlichkeit wird, zumindest vorbergehend, ausser Kraft gesetzt.

Frau oder Mann - eine fiktive Abstraktion

Unmittelbar nach der Geburt eines Menschen wird dessen Geschlechtszugehörigkeit auf Grund von sichtbaren Merkmalen definiert. Die folgenden Lebensjahre dienen dem Heranwachsenden u. a. zur Identitätssuche bezüglich Persönlichkeit und Geschlecht. Das soziale und gesellschaftliche Umfeld vermittelt dem Individuum die Kriterien zur Katalogisierung von weiblich oder männlich. Es werden die dem biologischen Geschlecht angepassten Gesten, Verhaltensweisen und Kleider, Bewegungsmuster und sprachlichen Ausdrucksweisen durch tgliches ben erlernt.

Will sich ein Kind als Teil einer Gruppe fühlen und respektiert werden, bleibt ihm keine andere Wahl, als den gesellschaftlichen Verhaltenskodex des biologischen Geschlechts sehr schnell zu erlernen und zu verinnerlichen. Ein Knabe wrde, falls er sich überhaupt traut und es die Eltern zulassen, nur einmal im Rckchen seiner Schwester in den Kindergarten gehen. Gewaltig ist der Druck ab der frühesten Kindheit, die Identität dem biologischen Geschlecht anzupassen und sich dem Prinzip von Entweder-Oder - entweder männlich oder weiblich - unterzuordnen. Ein Mensch, der seine Geschlechtsidentitt (Gender) nicht mit seinem biologischen Geschlecht (Sex) abstimmen kann, verursacht in unserer Kultur Probleme.

Ende der Kongruenz von Sex und Gender?

Die Struktur unserer Gesellschaft sieht vor, dass sich jedes Individuum in eine der beiden vorgegebenen Geschlechtskategorien zwingend einordnen lsst. Weil für diese Einreihung Vornamen alleine Unsicherheitsmomente auslsen können, hat sich die Praxis eingebrgert, mittels einer unmissverstndlichen frage - weiblich oder männlich - das Geschlecht durch Ankreuzen der entsprechenden Kategorie festzuhalten.

Bevor sich Menschen, die ihr Geschlecht wechselten, mit ihrer Geschichte durch die Medien der  ffentlichkeit prsentierten, wurden Sex (das biologische Geschlecht) und Gender (die Geschlechtsidentitt) kaum als zwei unterschiedliche Dinge wahrgenommen. Die soziale Dimension der Geschlechterwirklichkeit wurde lange nur in  der zivilisatorischen Wirkung eines biologischen Substrats gesucht. Die kulturelle Wirklichkeit zweier Geschlechter kann aber nicht die Folge eines Unterschiedes der Genitalien sein, da diese nur im bereits bestehenden Kontext dieser Wirklichkeit Geschlechtszeichen sind.

Transsexuelle bieten einen innergesellschaftlichen Zugang zur Zuflligkeit unserer Geschlechterwirklichkeit. In Alltagssituationen entscheiden nicht die Genitalien über die Geschlechtszugehörigkeit. Wir erkennen ein Gegenber auf Grund von Insignien oder Zeichen von Geschlechtsorganen. Diese Sexuierung kann Kleider, frisuren, Gesten, Körperhaltungen, Tätigkeiten oder Namen umfassen. Das Alltagswissen über die Zweigeschlechtlichkeit zwingt zum Sehen von Männern oder Frauen. Haben wir die Entscheidung einmal gefllt, halten wir an ihr fest, mag auch vieles mit aller Deutlichkeit gegen den getroffenen Entscheid sprechen. Wir wissen eben, dass Personen ihr Geschlecht dauerhaft haben und nicht einfach wechseln können.

Begegnet man dem Thema auf der kulturellen Ebene und will die soziale Dimension ihren selbstndigen Platz, gert zuerst die eigene Selbstverständlichkeit ins Wanken. Bei der Geburt wird die Geschlechtszugehörigkeit auf Grund von bestimmten Hautfltelungen zwischen den Beinen festgestellt. Diese Kategorisierung, die sich implizit auf die Genitalien beruft, verselbstndigt sich und benötigt die eigene Begrndung nicht mehr. Das wird zum Beispiel dann deutlich, wenn jemand für uns ein Mann bleibt, auch wenn er durch einen Unfall seine Geschlechtsorgane verloren hat.

Die neue Auseinandersetzung mit unseren zwei Geschlechtskategorien und deren sozialen Rollen stellt das hinterfragende Individuum mitsamt seinem gesellschaftlichen Kontext auf ungefestigten Boden. Die Sichtweise, die sich dabei erffnet, ermöglicht Wissbegierigen ein neues Lernfeld und bietet Gesellschaftsproblemen neue Lsungshilfen an.

Geschlecht als Gesellschaftsstabilisator

Die Mehrheit der Teilnehmenden unserer Gesellschaft betrachten die Geschlechtszugehörigkeit als eine zentrale, die Gemeinschaft strukturierende Grsse. Die gesetzliche Verankerung der Gleichstellung der Geschlechter nderte an dieser bipolaren Sicht bisher nichts. Die Insignien oder kulturellen Genitalien (Kessler/McKenna, 1978) beherrschen den innergesellschaftlichen Umgang der Mitglieder.

Die staatliche Regelung von Geschlechtszugehörigkeit verlangt biologische Fakten und nicht soziale Symbole von Genitalien. Ausschlaggebend sind demzufolge die Hautfltelungen zwischen den Beinen nach der Geburt. In der Regel lassen sich diese ohne Unsicherheitsfaktoren männlichen oder weiblichen Genitalien zuordnen. Sind die Geschlechtsunterschiede verwischt und kommen sowohl männliche wie weibliche Merkmale vor, bestimmt der Arzt oder die rztin durch einen medizinischen Eingriff das endgltige Geschlecht. Intersexualitt (Pseudohermaphroditismus) ist nicht vorgesehen. Ausserdem wre das Leben für einen solchen Menschen, wrde ihm bei der Geburt nicht zu einer eindeutigen Geschlechtszugehörigkeit verholfen, in unserer Gesellschaft ohne Zweifel schwierig.

Transsexuelle widersprechen und zementieren Normen der gesellschaftlichen Ordnung. Die Inkongruenz von Sex und Gender lsst Betroffene auf Grund der herrschenden Ordnung zuerst an sich selber zweifeln. Das eigene Empfinden wird durch die erworbene Konformitt angezweifelt und abgelehnt. berwindet die Person ihre Selbstzweifel und akzeptiert sie ihre eigenen Gefühle als persnliche Realität, zwingt diese Ehrlichkeit die brige Gesellschaft, die kollektivistische Wahrheit als mangelhaft zu erkennen. Die staatliche Struktur wird vorerst nicht berhrt.

Entpathologisierung

Erst durch einen operativen Eingriff an einem medizinisch gesunden Körper findet die soziale Wandlung verwaltungstechnischen Anklang. Allerdings sind für eine Namensnderung nicht dem neuen Geschlecht angepasste Genitalien notwendig, das medizinische Gutachten muss nur die Zeugungsunfhigkeit des Gesuchstellers oder der Gesuchstellerin attestieren.

Die Psychiatrie unterstützt das Begehren eines Geschlechtswechsels nach genauen Abklrungen der betroffenen Person durch ein psychiatrisches Gutachten. Die regelmässigen Sitzungen klren Hintergrnde und Persönlichkeit des Ratsuchenden und geben dem Psychiater oder der Psychiaterin die Gelegenheit, hinter dem Geschlechtswechselnden den Menschen zu erkennen. Wird die durch die Psychiatrie eingeleitete Entpathologisierung der Transsexualität ernst genommen, stellt sich die frage, ob die Gesellschaftsmitglieder ihre Verantwortung durch Akzeptanz und Toleranz zuknftig bernehmen oder ob sie weiterhin die Mngel der gesellschaftlichen Regeln den Krankenkassen berantworten.

 

Quellen:

    St. Hirschauer: Die soziale Konstruktion der Transsexualität.
    Suhrkamp-Verlag, frankfurt 1993.

    W. Wickler, U. Seibt: Männlich, weiblich. Piper-Verlag, Mnchen 1983.

    V. Sigusch: Geschlechtswechsel. KleinVerlag, Hamburg 1992.

    A. E. Frischknecht (Hrsg.): Auf der Suche nach Identität -
    Interviews mit Geschlechtswechselnden. Publikation in Vorbereitung.

    Internet: www.transx.ch

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