
Nadia Brönimann/Daniel J. Schüz
Die weisse Feder - Hat die Seele ein Geschlecht?
Zytglogge, Bern, 2001
ISBN 3-7296-0610-7
Ich bewundere Menschen, die bereit sind, diesen
Prozess auf sich zu nehmen. Stellen Sie sich vor,
wie es wäre, wenn Sie spürten, dass Ihre
Geschlechtsorgane nicht zu Ihrem Geschlecht passen.
Nichts stimmt mehr: Sie denken als Frau, sind aber
ein Mann. Sie wollen einen Mann zum Freund, sind aber
nicht schwul. Menschen in dieser Situation verdienen
unsere Achtung. Natürlich, es gibt sie, die exotischen
Paradiesvögel, die früher oder später
im Milieu, auf dem Strich landen. Aber viele Transsexuelle
suchen etwas ganz anderes: eine Identität. Sie
suchen ein Stück psychische Heimat, wo sie wissen,
wer und was sie sind. Eine urmenschliche Suche. Steffen
Lukesch
Schon als Kind merkte er, dass er anders war als
die anderen - ein Fremder im eigenen Körper.
Heimatlos und verstossen, misshandelt und unverstanden
brach er zu einer langen Odyssee auf und lief, auf
der verzweifelten Suche nach der eigenen Identität,
immer wieder vor sich davon.
Er war Strichjunge an der Côte d'Azur, Revue-Tänzer
im Berliner Nachtleben, Drag-Queen in der Basler Schwulenszene.
Auf Mittelmeer-Luxusjachten liess er sich als Steward
anheuern, in Österreich diente er als Butler
bei einer der reichsten Frauen der Welt. Er stieg
steil auf und stürzte tief ab, erlitt Demütigungen
und sexuelle Gewalt, lebte mal in Saus und Braus und
bald wieder von der Sozialfürsorge. Und jedes
Mal, wenn er zur Besinnung kam, musste er erkennen,
dass er tiefer gesunken war. Bis er sich, gezeichnet
von Drogen und Krankheit, der Lüge seines Lebens
stellte.
Hat die Seele ein Geschlecht? Für die junge
Frau, die 29 Jahre lang als Christian Brönimann
im Körper eines Mannes lebte, liegt die Antwort
auf der Hand: Ihre weibliche Seele hat sich in die
falsche Hülle verirrt.
Daniel J. Schüz gelingt es, die Berg- und Talfahrten
der Nadia Brönimann eindrücklich aufzuzeichnen.
Spannend wie ein Film, der einen so schnell nicht
wieder loslässt.
Buchbesprechung von Marlise
Santiago