
Welches
Geschlecht hat die Seele?
Schon
als Kind war da die Ahnung, dass sie ein Mädchen
ist. Aber 29 Jahre lang hat Nadia Brönimann im
Körper eines Mannes gelebt.
Wer
ist diese Frau? Sitzt da in einem bunten Sarong, auf
dem Stein in der Bucht. "Die weite Reise zu meinem
Stein habe ich auf mich genommen, um mich zu finden.
Und ich habe genau zwei Möglichkeiten: Entweder
stehe ich auf und schwimme aufs Meer hinaus, bis ich
untergehe; oder ich beschliesse jetzt, die Frau zu
werden, die ich bin."
Jahre später, mittlerweile 32-jährig, sitzt
sie in einem Zürcher Café. Gross, schlank,
jugendlich gekleidet, knallrotes Haar, unglaublich
blaue Augen. Präsent und nachdenklich. Nadia
Brönimann hat sich für das Oder entschieden,
damals auf dem Stein.
Kindheit
Christian hiess das Kind. Der verwahrloste und massiv
unterernährte Säugling musste im Spital
wieder aufgepäppelt werden. Nachdem er als Dreijähriger
von der alkoholabhängigen Mutter beinahe aus
dem Fenster geworfen worden war, hatte ihn der Vater
aufs Jugendamt gebracht. Aufgewachsen war er im Heim
und bei Adoptiveltern. "Zu wissen, dass ich schon
damals einen derart grossen Lebenswillen hatte, gibt
mir heute Kraft", sagt Nadia Brönimann.
Aber diese Kindheit voller Ablehnung und Demütigung
hat auch Spuren hinterlassen. Eine tiefe Todesangst,
beispielsweise. Und: "Manchmal kann ich kaum
glauben, dass ich geliebt werden, so wie ich bin",
sagt sie.
Ahnung
Die Ahnung war schon immer da. Alle kleinen Kinder
wissen irgendwann, ob sie ein Mädchen oder ein
Junge sind. Christian wusste, dass er ein Mädchen
ist. Aber da war sein Knabenkörper. "Das
ist schwierig in Worte zu fassen - einerseits dieses
Wissen tief in mir drin, anderseits die Wahrnehmung
von aussen, die sich nicht decken", erzählt
Nadia.
Ein Aussenseiter. In der Pubertät im Niemandsland
zwischen Frau und Mann. Sehnsucht nach Liebe. Jungen
haben ihn angezogen. Nicht als Schwuler, sondern als
Frau wollte er begehren und begehrt werden.
Suche
Nach seiner Lehre als Servicefachangestellter zog
es ihn ins Ausland. Ein bewegtes, turbulentes Leben
begann: Strichjunge, Revuetänzer, Drag Queen,
Steward auf Luxusjachten, Butler, Geschäftsführer
sind einige der ääusseren Lebensstationen. Dabei
hat er Demütigungen und sexuelle Gewalt genauso
erlebt wie Liebe. "Ich bin steil aufgestiegen,
aber ebenso tief gefallen", erzählt Nadia.
Manchmal wars ein Leben in Saus und Braus, manchmal
abhängig von der frsorge. "Aber immer
das Wissen tief in mir: Ich lebe eine riesengrosse
Lüge."
Reise
Dann der Entscheid, sich dieser Lüge zu stellen.
Aus Christian sollte endgültig Nadia werden.
Es folgten Abklärungen und Hormontherapie. Dann
der Tag der Operation. Immer wieder Operationen. Komplikationen.
Da ist ihre Vagina. Ein Kunstwerk der ärzte,
wie sie sagt. Aber das , was sie sich ein Leben lang
erhofft hat, körperlich zu lieben wie eine Frau,
funktioniert nicht. "Vielleicht ist es auch gut
so. So habe ich Zeit, mich stückchenweise an
meine Sexualität heranzutasten. Eine Sexualität,
die vielleicht besser ist als die <normale>
", sinniert sie.
Aber bereuen? "Nein, ich würde es sofort
wieder tun." fragil sei sie zwar. Ein Windchen
könne sie umpusten - momentan. Sie habe nun zwar
den lang ersehnten frauenkörper. Aber jetzt brauche
die Seele wieder Zeit, um nachzukommen. "Manchmal
komme ich mir noch vor wie eine Mogelpackung. Haare
und Narben", damit habe sie Mühe. Die tollsten
Männer könnte sie zwar haben, erzählt
sie sachlich. Ihre Ausstrahlung machts, ihre starke
Körperlichkeit. Und das irritierende Etwas, das
auf den ersten Blick nicht fassbar, aber anziehend
und erregend ist. Doch sie möchte nicht nur über
ihren Körper definiert werden - oder reduziert
auf das "sex" im Wort transsexuell. Nein,
da ist Nadia, die Frau, mit der bewegten Lebensgeschichte.
Zukunft
"Die
Suche nach mir hat mich an meine Grenzen gebracht.
Ein Zusammenbruch im letzten Winter war mir eine Warnung",
erzählt sie. Aber Nadia blickt zuversichtlich
in die Zukunft. Beruflich ist sie offen für vieles.
Auch ihr Engagement zum Thema Transsexualität
möchte sich noch verstärken. "Da sind
so viele Vorurteile. Ich wünsche mir, dass sich
Menschen als Menschen begegnen, ohne zu fragen, in
welche Schublade sie gehören", sagt sie.
Kraft für die Zukunft gibt ihr auch der Glaube
an Gott. Eine Klosterfrau hat ihr letzthin gesagt:
"Auch du stehst unter dem Schutz Gottes."
Es sei nicht an den Menschen, zu beurteilen, was Sünde
ist und was nicht. "Ich vertraue auf Gottes Liebe",
sagt Nadia voller Zuversicht.
Marlise Santiago (publiziert im Brückenbauer
vom 19. Juni 2001)
Die
weisse Feder - Das
Buch